Weibliche Unlust ist kein Defekt
- Redaktion Perfumed Garden

- vor 4 Tagen
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„Ich hab einfach keine Lust.“
Dieser Satz wird in Beziehungen oft behandelt wie ein Urteil. Wie ein Problem. Wie ein Ende. Dabei ist er meistens etwas anderes: ein Hinweis.
Weibliche Unlust ist nicht automatisch „kaputt“. Und sie ist auch nicht automatisch „normal“. Sie ist vor allem: Information.
Ein Signal, das etwas sagt über Belastung, über Sicherheit, über Nähe, über Druck, über Rollen, über den eigenen Körper, über das Leben, das gerade zu voll ist.
Denn Lust ist keine Tugend.
Lust ist ein Zustand. Und manchmal ist der Zustand: zu viel, zu schnell, zu laut.
Das alte Narrativ geht so: Wenn sie keine Lust hat, muss man sie „wieder in Gang bringen“. Mehr Initiative, mehr Technik, mehr Kommunikation, mehr „wir müssten mal wieder“.
Das neue Narrativ ist schlichter – und radikaler: Vielleicht ist Unlust nicht das Problem. Vielleicht ist sie die beste Analystin im Raum.
Unlust kann bedeuten:
Ich bin überlastet. (Mentale To-do-Liste läuft weiter, auch im Bett.)
Ich fühle mich nicht sicher. (Nicht zwingend „Gefahr“. Manchmal reicht schon: nicht gehalten, nicht gesehen, nicht frei.)
Ich spüre Druck. (Orgasmus, Performance, „du musst doch auch mal wollen“.)
Ich bin in einer Rolle gefangen. (Versorgerin, Managerin, Mutter, Kümmernde – und danach soll ich plötzlich Begehren abrufen.)
Ich habe mich selbst verloren. (Kein Kontakt zu eigenen Wünschen, weil zu lange nur reagiert wurde.)
Das harte Missverständnis in vielen Beziehungen
Unlust wird behandelt wie ein Defekt in einer Person. Dabei ist sie oft ein Beziehungsthema, ein Alltagsthema, ein Nervensystem-Thema, ein Bedeutungs-Thema. Und manchmal auch ein Körperthema: Schmerzen, Hormone, Medikamente, Schlafmangel, Stress. Alles das kann Lust verändern.
Was hilft also, wenn du weibliche Unlust verstehen willst?
Nicht: „Sag mir einfach, was du willst.“ (Weil viele Frauen genau daran scheitern nicht aus Dummheit, sondern aus jahrelanger Anpassung.) Sondern eher:
Druck raus. Ziel raus. Unlust wird lauter, wenn Sex zur Prüfung wird. Lust braucht keinen Test, sie braucht Raum.
Kontext ernst nehmen. Wenn dein Leben dich auswringt, ist es kein Wunder, wenn Erotik nicht „anspringt“. Das ist keine Kapitulation – das ist Intelligenz.
Sicherheit vor Technik. Nicht „mehr Spice“, sondern: mehr Langsamkeit, mehr Wahlfreiheit, mehr Stop-Möglichkeiten, mehr „Ich darf heute auch nein sagen, ohne dass danach etwas kaputt ist“.
Unlust nicht moralisch lesen. Unlust ist kein Liebesentzug. Sie ist oft Selbstschutz. Und Selbstschutz ist kein Angriff.
Das neue Ziel ist nicht, Lust zu „produzieren“
Das Ziel ist, Bedingungen zu schaffen, in denen Lust wieder möglich wird – falls sie kommen will. Und wenn nicht: zu verstehen, was sie gerade schützt.
Die Frage ist also nicht: „Was stimmt nicht mit mir?“
Sondern: „Was versucht meine Unlust mir zu sagen?“
Unlust ist kein Defekt. Unlust ist ein Signal. Und Signale sind der Anfang von Wahrheit.



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