Warum viele Frauen ihre Texte nur unter Pseudonym veröffentlichen
- Redaktion Perfumed Garden

- 19. März
- 2 Min. Lesezeit
Am 21. März beginnt zum ersten Mal unsere Ausbildung „Über Lust schreiben“.
Viele Teilnehmer:innen freuen sich. Viele sind aufgeregt. Und erstaunlich viele äußern einen Wunsch, der zunächst unscheinbar wirkt: Sie möchten unter einem Pseudonym schreiben.

Ein Pseudonym ist oft keine Maske, sondern die Bedingung dafür, dass ein Text überhaupt entsteht.
Nicht, weil ihnen Sexualität peinlich ist. Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten.
Sondern weil sie sehr genau wissen, wer ihre Texte lesen könnte. Der Partner. Die Familie. Der Chef. Kolleg:innen. Menschen, die aus einem Text über Lust
plötzlich eine Aussage über die Frau machen, die ihn geschrieben hat.
Das Risiko liegt nicht im Text
In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder ein Moment, der leise beginnt und dann alles verändert. Frauen beginnen zu schreiben. Erinnern sich. Formulieren.
Und dann merken viele etwas, das sie oft überrascht: Dass das, was sie begehren, nicht zu dem Skript passt, das sie gelernt haben. Nicht zu dem, was „normal“ ist. Nicht zu dem, was erwartet wird. Nicht zu dem, was sie bisher über sich selbst gedacht haben.
Dieser Moment ist in der Ausbildung sehr entscheidend.
Denn hier entsteht ein Risiko, das nicht im Text liegt, sondern in seiner Lesbarkeit.
Was passiert, wenn dieser Text gelesen wird?Und vor allem: wer liest ihn und wie?
Die Angst ist konkret
Wenn Frauen in meinen Seminaren über Pseudonyme sprechen, geht es selten um „die Gesellschaft“ im Allgemeinen. Es geht um den diffusen, aber realen Blick eines Publikums, das weibliche Lust noch immer schneller bewertet als versteht.
Ein Text über Sexualität wird selten nur als Text gelesen. Er wird als Aussage über Charakter, Moral, Beziehungsfähigkeit interpretiert. Nicht bei allen. Aber oft genug, dass Frauen es einkalkulieren.
Was ein Pseudonym wirklich schützt
Ein Pseudonym schützt nicht nur vor Veröffentlichung. Es schützt einen früheren Moment: Den Moment, in dem eine Frau entscheidet, ob sie aufschreibt, was sie wirklich denkt. Viele Texte entstehen nicht, weil dieser Moment abbricht. Weil der Gedanke einsetzt: Was, wenn das jemand liest? Ein Pseudonym verschiebt diese Grenze.
Es schafft Abstand zwischen Erfahrung und Zuschreibung. Zwischen Stimme und Urteil.
Nicht, weil Frauen sich verstecken, sondern weil sie sich überhaupt erst äußern können.
Kein Relikt, sondern Praxis
Pseudonyme sind keine literarische Marotte vergangener Jahrhunderte.
Sie sind eine bis heute genutzte Technik, um Öffentlichkeit zu verhandeln.
Gerade in digitalen Räumen, in denen Sichtbarkeit schnell in Angreifbarkeit kippt, ist diese Strategie nicht überholt, sondern hochaktuell.
Studien zeigen, dass ein großer Teil von Frauen im öffentlichen Schreiben Erfahrungen mit Angriffen, Abwertung oder Grenzüberschreitungen macht und darauf mit Anpassung oder Selbstzensur reagiert. Das ist der Kontext, in dem ein Pseudonym gewählt wird.
Schreiben gegen das Skript
Vielleicht ist das Entscheidende nicht, dass Frauen unter Pseudonym schreiben.
Sondern warum sie es brauchen. Weil sie beim Schreiben etwas tun, das über Sprache hinausgeht:
Sie prüfen, ob das, was sie fühlen, in das passt, was sie gelernt haben. Und oft passt es nicht. Das ist der eigentliche Bruch. Und vielleicht auch der Anfang von etwas anderem: einer Sprache, die nicht nur wiederholt, sondern neu beschreibt.
Am Ende bleibt eine Frage
Wie viele Texte existieren nicht, weil es keinen sicheren Namen für sie gibt?
Wenn du lernen möchtest, über Lust zu schreiben, findest du in unseren Seminaren, Workshops und Ausbildungen einen Raum, in dem Sprache, Körperwissen und eigene Erfahrung zusammenkommen.



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