Ich bin viele

Aktualisiert: 10. Juni

Ein Beitrag von Ester V. aus der 5. Ausgabe des Perfumed Garden Magazins

Foto: Imago

 

Unsere Zyklusphase beeinflusst das körperliche und sexuelle Empfinden. Autorin Esther erzählt von ihrem Verlangen zur Zeit des Eisprungs und zeigt, wie wundervoll Sexualität unabhängig vom Beziehungsstatus gelebt werden kann.


Kürzlich saß ich im Wartezimmer meines Hals-Nasen-Ohren-Arztes. Mein linkes Ohr war taub und die Wahrnehmung meiner Umwelt begrenzt. Abgesehen davon galt die Konzentration an diesem Nachmittag ohnehin dem Feuchtbiotop zwischen meinen Beinen. Meine Libido spielte verrückt. Ich wollte in Ekstase verglühen und Entspannung finden. Ich war kurz vor dem Eisprung. Verunsichert, ob die Menschen im Warteraum es mir angemerkt oder den nassen Fleck im Schritt meiner Jeans gesehen haben, presste ich meine ineinander gelegten Handflächen unterhalb des Nabels in den Schoß, senkte meinen Kopf, kniff die Augen zusammen und gab mich einem Moment unbändiger Fantasien hin.


Für den Bruchteil einer Sekunde befand ich mich im Untersuchungszimmer, nackt, mit Lackstiefeln und gespreizten Beinen auf dem Patientenstuhl, erhöht wie auf einem Thron.

Da saß ich im Angesicht meines Arztes, stolz und aufrecht wie eine Königin, die Arme auf den Armlehnen, gierig wartend auf den heiß ersehnten ersten Stoß. Ein Schauer der Erregung durchfuhr mich, ein leises Winseln entkam mir. Die Lautsprecherdurchsage holte mich zurück in den sterilen Sessel im Wartezimmer. Hatten die anderen mein Stöhnen gehört? Ich versprach mir, nach der Kontrolle einen Finger reinzuschieben – noch im Auto! Und das tat ich auch. Zu Hause stürmte ich in meine Wohnung, warf mich auf die Couch, riss mir Pulli und BH vom Leib, öffnete meine Jeans, griff nach dem Vibrator – er lag von gestern Abend noch zwischen den Kissen – spreizte meine Beine und erfüllte meine nach einem Schwanz schreiende Vagina. Ich stöhnte auf, streckte die Hände vom Körper und musste laut lachen. Ich war nicht gekommen – noch nicht. Und dennoch war ich befreit. Meine Libido hatte endlich ein Ventil gefunden, um meinem Körper einen Cocktail aus Befriedigung, Liebe, Pläsier und Ruhe zu geben. Ich sank in einen Masturbationsreigen und durchwanderte Fantasiewelten aus Wollust, Schwerelosigkeit und Trance.



Wie ein wildes Tier war ich auf der Suche nach sexueller Ekstase


Ich wollte es hart und sanft zugleich, Schwänze, Zungen, Finger und Spielzeuge in mir und doch nur zart liebkosende Hände auf mir. Ich wollte erniedrigt, gefesselt und genommen werden und gleichzeitig entkam meinem Strap-on kein Typ. Jedem schob ich meinen Schwanz hinein. Ich wollte in einem orgiastischen Bad aus nackten, heißen Menschenleibern von Frauen geleckt und in der Liebesschaukel von Männern gevögelt werden. Ich wollte mit verbundenen Augen stehend an ein Kreuz gekettet im Rhythmus der Peitschenhiebe winseln und doch einen in Handschellen gelegten, flehenden Sklaven zu meinen Gunsten missbrauchen. Ich wollte mir in der Fickmaschine die Seele aus der Brust schreien und doch nur kindlich in den Armen eines einzigen Adonis ruhen. Ich wollte dem Gewimmel schwitzender Körper beim kollektiven Masturbieren zusehen und dabei in den nassen Küssen meines Gegenübers versinken. Ich wollte alles, sofort, nur um des absoluten Lustergusses Willen, in dem ich mich in Ekstase für immer auflösen hätte können.


Stunden später kam ich zu mir. Mein Körper war schweißgebadet im Zucken des letzten Höhepunktes. Draußen hatte inzwischen die Dämmerung den Himmel in ein Farbenspiel verwandelt. Die Luft war getränkt von Hingabe und Zufriedenheit. Es roch nach Sex mit mir.


Ich öffnete meine Augen und für einen kurzen Moment wusste ich nicht, in welcher Realität ich mich befand.

Offenbar hatte etwas in mir geschlummert, tief verborgen. Jetzt war es da, schamlos, unstillbar, lüstern. Das Verlangen des triebhaften Fleisches war hemmungslose Unbändigkeit. All das wollte gelebt werden. Ich wusste, ich war Hure und Nonne zugleich, wilde Nymphomanin und keusches Mütterchen, dominante Herrin und anschmiegsames Kätzchen, polyamore Hetäre und monogame Submissive, leidenschaftliche Lesbe und zärtliche Hete. Ich war viele.


Dieser Sex hatte etwas Revolutionäres, denn ich stand auf, buchte einen Domina- und Fessel-Kurs, kaufte Tickets für Fetisch-Events und BDSM-Nächte und meldete mich auf einer Erotik- und Sex-Plattform für andere Abenteuer an. Mein Herz hüpfte unter meiner Brust, ich war bereit und ich war aufgeregt.

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